Selbstfürsorge – Vergessen Sie sich selbst nicht

Liebe pflegende Angehörige,

kennen Sie dieses Gefühl?

„Wie lange wird das noch dauern? Ich bin am Ende meiner Kräfte.“

Wenn Sie sich gerade in einer solchen Situation befinden, lesen Sie diesen Beitrag
unbedingt. Und auch wenn Sie noch nicht an diesem Punkt angekommen sind, kann es
hilfreich sein, sich frühzeitig mit diesem Thema auseinanderzusetzen.

Leider kann Ihnen oft niemand eine genaue Antwort auf die Frage geben, wie lange
eine solche Situation andauern wird. Verschwenden Sie deshalb Ihre Energie nicht mit
dem ständigen Gedanken daran, wie lange das alles noch dauern wird.

Durch meine Arbeit als Pflegefachkraft habe ich Menschen erlebt, die sich innerhalb
weniger Monate erstaunlich gut erholt haben. Ich habe aber auch Menschen erlebt, die
über Jahre hinweg pflegebedürftig blieben. Und bei manchen Erkrankungen, wie
beispielsweise ALS, ist eine Heilung leider nicht möglich.

Auch ein Rehabilitationsprozess verläuft nicht immer geradlinig. Es kann große
Fortschritte geben, aber auch Rückschläge. Manchmal geht es zwei Schritte vorwärts

und anschließend wieder einen Schritt zurück.

Gerade deshalb ist es wichtig, dass Sie Ihre eigene Kraft nicht schon am Anfang
aufbrauchen.

Nehmen Sie sich bewusst auch Zeit für sich selbst.

Klingt das egoistisch?

Nein. Ganz im Gegenteil.

Wenn eine Pflegesituation Monate oder sogar Jahre dauert, braucht Ihr Angehöriger
Sie nicht nur heute – möglicherweise wird er Sie über einen langen Zeitraum brauchen.
Und damit Sie für ihn da sein können, brauchen auch Sie Kraft, Gesundheit und
Momente der Erholung. Wer von Anfang an auch auf sich selbst achtet, kann seinem
geliebten Menschen langfristig eine bessere Unterstützung sein.

Eine Erfahrung aus meinem Berufsalltag hat mir das besonders deutlich gezeigt.

Während eines meiner Einsätze betreute ich einen Mann, dessen Ehefrau sich mit
außergewöhnlicher Hingabe um ihn kümmerte. Sie tat alles, was in ihrer Kraft stand, um
ihn zu unterstützen. Ihre Liebe, Geduld und ihr täglicher Einsatz trugen sichtbar zu seinen
Fortschritten bei.

Leider erlitt ihr Mann später einen schweren Rückschlag, und vieles musste wieder von
vorne beginnen.

Ab diesem Moment verlor sie zunehmend die Hoffnung. Ihre Energie ließ nach, und auch
ihre Motivation, ihren Mann so aktiv wie zuvor zu unterstützen, wurde immer geringer.

Man konnte deutlich merken, dass sie dringend eine Auszeit brauchte. Gleichzeitig hatte
sie ein schlechtes Gewissen bei dem Gedanken, in den Urlaub zu fahren, während ihr
kranker Mann zu Hause blieb.

Als Team konnten wir sie schließlich dazu ermutigen, sich diese Auszeit zu gönnen.

Sie fuhr für eine Woche in den Urlaub.

Als sie zurückkam, war sie wie ein anderer Mensch.

Sie hatte wieder neue Kraft, neue Ideen und neue Zuversicht. Mit neuer Energie konnte sie
ihren Mann wieder unterstützen und aktiv zu seinem Alltag und seiner Genesung
beitragen. Auch bei ihm konnte man eine Veränderung wahrnehmen – er wirkte wieder
motivierter und besser gelaunt.

Diese Erfahrung hat mir noch einmal deutlich gezeigt, wie wichtig es ist, sich selbst
nicht zu vergessen.

Denken Sie daran: Nur wer gut für sich selbst sorgt, kann langfristig auch gut für
andere sorgen. Selbstfürsorge ist kein Egoismus – sie ist ein wichtiger Bestandteil
guter Pflege.

„Manchmal sieht man vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr“.